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Sonett
XXXI
Die Herzen alle sind in deiner Brust,
Die ich geliebt, die mir der Tod geraubt,
In dir lebt Liebe und der Liebe Lust,
In dir die Freunde, die ich tot geglaubt.
Wie manche fromme Träne mußt’ ich weinen,
Die Liebe trauernd meinem Aug’ entwand,
Als Zoll der Toten, die jetzt neu erscheinen,
Die ich in dir nach langer Trennung fand.
Du bist die Gruft, da leben meine Toten,
Geschmückt mit Kränzen, meiner Liebe Zier;
Dir ließen sie, was ihnen ich geboten,
Und aller Gut gehört jetzt einzig dir.
Den teuren Bildern gibst du neues Leben,
Mein alles sei, wie ihnen, dir gegeben.
Sonett XXXII
Wenn du allein zurückgeblieben bist
An jenem Tag, der mich zum Staube bannt,
Und, was ich schrieb, zufällig wieder liest,
Die schlichten Zeilen von des Freundes Hand:
Vergleich sie mit dem Fortschritt beßrer Zeit
Und achte sie, sei dürftig auch die Schrift,
Der Liebe wegen, nicht der Trefflichkeit,
Die ja die Kunst Beglücktrer übertrifft.
Nur denk’ in liebender Erinnrung mein:
„Wär’ mit der Zeit des Freundes Lied gediehn,
Der Liebe Zeugen würden schöner sein
Und stolzen Haupts in erster Reihe ziehn;
Doch da er starb, soll mich in bessern Klängen
Die Kunst erfreun, das Herz in seinen Sängen.“
Sonett XXXIII
Stolz ging schon oft der junge Morgen auf,
Mit Herrscherblick die Bergeszinnen grüßend,
Vergoldend hell der blassen Ströme Lauf
Und Flammenkuß auf grüne Fluren gießend;
Doch bald beziehn sein Himmelsangesicht
Die niedern Wolken, die sich häßlich ballen,
Verdeckt ist der verlornen Welt sein Licht,
In Schmach verhüllt muß er gen Westen wallen.
So sandte glorreich meiner Sonne Schein
Auf meine Stirne ihre Morgenstrahlen,
Doch ach! Sie war nur eine Stunde mein,
Bis Wolken mir den frohen Anblick stahlen.
Ich zürne nicht, denn wenn des Himmels Licht
Verfinstert wird, währt das der Erde nicht.
Sonett XXXIV
Warum versprachst du einen schönen Tag
und locktest ohne Mantel mich hinaus,
Wo böses Wetter auf mich niederbrach,
Das deinen Glanz verbarg in seinem Graus?
Nicht ist’s genug, daß du zerteilst den Regen,
Und daß du wieder trocknest mein Gesicht,
Vom Sturm gepeitscht! Wer rühmt des Balsams Segen,
Der nur die Wunde heilt, die Schmerzen nicht?
Ob du dich schämst, es tröstet nicht mein Herz,
Ob du bereust, es bleibt mir der Verlust;
Nur schwachen Trost hat des Beleid’gers Schmerz
Für des Gekränkten tiefverletzte Brust.
Doch wenn wie Perlen deine Tränen rinnen,
Sind kostbar sie, Verzeihung zu gewinnen.
Sonett XXXV
Nicht klage mehr um das, was du verübt,
Da Bäche Schlamm und Rosen Dornen tragen,
Verfinsterung selbst Mond und Sonne trübt,
In schönsten Knospen garst’ge Würmer nagen.
Wir alle fehlen, und ich selbst darin,
Daß ich in Bildern dich von Schuld befreie,
Um dich zu rein’gen, beuge meinen Sinn
Und Schlimmeres, als du begingst, verzeihe.
Ich richte deine Liebessünde nicht,
Es muß dein Feind als dein Verteid’ger walten,
Und gegen mich wend’ ich mich vor Gericht:
So ist mein Herz in Lieb’ und Haß gespalten,
Daß mich zum Hehler das Geschick bestimmt
Dem süßen Dieb, der mir so vieles nimmt. |
Sonett XXXVI
Laß mich gestehn, daß wir uns trennen müssen,
Sind auch die Herzen eins und ungeteilt,
Allein will ich, von deiner Brust gerissen,
Den Makel tragen, der bei mir verweilt.
Nur ein Gedanke lebt in unsern Seelen,
Ob auch die Trennung feindlich uns entzweit;
Zwar mindert sie die Liebe nicht, doch stehlen
Kann ihrem Glück sie viel der besten Zeit.
Ich darf dich fürder nicht mehr offen nennen,
Sonst trifft dich meine vielbeweinte Schuld,
Noch darfst du vor der Welt mich anerkennen,
Sonst schändet deinen Namen diese Huld;
So laß es denn! Da dich die Liebe schuf
Zu eigen mir, ist mein dein guter Ruf.
Sonett XXXVII
So wie ein greiser Vater mit Entzücken
Des jungen Sohnes Heldentat erfährt,
So find’ auch ich, vom Glück gelähmt auf Krücken,
All meinen Trost in deinem Glanz und Wert.
Denn haben Schönheit, Reichtum, Geist, verbunden
Mit hohem Stand und manchem andern Ruhm,
In dir den königlichen Thron gefunden,
Durch Liebe werden sie mein Eigentum,
Dann bin ich elend, alt nicht, noch bedrückt,
Denn soviel hat dein Schatten mir gegeben,
Von deinem Überflusse hochbeglückt,
Mit einem Teile deines Ruhms zu leben.
Das Höchste sieh! Das möge stets dich schmücken,
Es ist erfüllt, mich zehnfach zu beglücken!
Sonett XXXVIII
Wie wär’ des Stoffes meine Muse bar,
Solang du lebst und in mein Lied ergießt
Dein holdes Selbst, ein Stoff so wunderbar,
Daß kein gemeiner Sang ihn in sich schließt?
Oh! nur dir selber bringe deinen Dank,
Scheint dir des Lesens würdig mein Gedicht;
Ein Stummer selber tönte im Gesang,
Den du begnadest mit der Dichtkunst Licht!
Als zehnte Muse soll man dich verehren,
Und zehnmal mehr als die aus alter Zeit;
Doch wer dich anruft, soll sich auch bewähren
Mit hohem Klange für die Ewigkeit.
Genügt der klugen Welt mein leichter Tand,
Sei mein die Müh’, das Lob dir zuerkannt!
Sonett XXXIX
Wie soll ich feiern dich in rechter Weise?
Du bist ja nur der beßre Teil von mir!
Was soll es mir, daß ich mich selber preise?
Und lob’ ich mich nicht selber nur in dir?
Drum müssen wir fortan in Trennung leben,
Geteilt die Liebe unsrer Herzen sein,
Denn nur von dir gesondert kann ich geben
Dir den Tribut, den du verdienst allein.
O Trennung, welche Qual würdst du erregen,
Blieb nicht als Trost in deinem harten Zwang,
Der Liebe Traum erinnrungstill zu pflegen,
Der sanft das Herz täuscht und der Stunden Gang;
Und daß du zeigst, wie man ein Wesen teilt:
Ich singe hier, wenn er mir ferne weilt.
Sonett XL
Nimm alle, die ich liebe, allesamt!
Was hast du dann zu allem andern mehr?
Nicht eine Liebe, die vom Herzen stammt,
Denn alles Meine war schon dein vorher.
Wirbst du um die Geliebte meinetwegen,
Will ich’s nicht tadeln, nimm die Liebe hin,
Doch zürn’ ich, ist dir nichts an ihr gelegen,
Betrügt ein flücht’ger Reiz nur deinen Sinn.
Nimmst du auch meiner Armut letztes Gut,
Verzeih’ ich seinen Raub dem süßen Diebe,
Doch Liebe weiß, nicht halb so bitter tut
Der offne Haß als Weh gekränkter Liebe.
Leichtfert’ge Anmut, die selbst Sünden kleiden,
Oh, foltre mich, doch laß uns nimmer scheiden!
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