|
Sonett
51
So kann die Liebe, geht es fort von dir,
Dem trägen Roß Entschuldigung erteilen;
Denn lass’ ich dich, was soll das Hasten mir?
Doch bei der Heimkehr, da gilt es zu eilen!
Ob Nachsicht dann der arme Gaul gewinnt,
Wenn schnellste Jagd mich träge dünken mag?
Dann spornte ich, und ritt’ ich auf dem Wind,
Bewegungslos schien’ mir sein Flügelschlag.
Dann folgt kein Pferd der Sehnsucht raschem Zug,
Dann brause sie, befreit von Erdenschwere,
Des Herzens reinster Sproß, im Flammenflug;
Doch so verzeiht die Liebe meiner Mähre:
Träg zog sie aus, ich ließ es gern geschehn,
Ich sause heim, mag sie gemächlich gehn.
Sonett
II - 52
Dem Reichen gleich’ ich, dessen Schlüssel kann
Kostbare Schätze seinem Blick erschließen,
Jedoch beschaut er sie nur dann und wann,
Nicht abzustumpfen seltenes Genießen.
Deshalb sind Feste heilig und geschätzt,
Weil sie dem langen Jahre spärlich nur
Wie Edelsteine karg sind eingesetzt,
Wie Diamanten in die Perlenschnur.
Dem Schreine gleicht die Zeit, der dich enthält,
Dem Schranke, der das Festgewand verwahrt
Und den verborgnen Schatz zum Schmuck der Welt
Bei seltnen Festen selten offenbart.
Dich segne ich! Du gibst mir höchste Ehre,
Wenn ich dich halte; Hoffnung, wenn entbehre.
Sonett III - 53
Aus welchem Stoffe bist du nur gediehn,
Daß Millionen Schatten du vereinst?
Ist e i n e Form sonst jedem nur verliehn,
Wie kommt es, daß in allen du erscheinst?
Beschreib Adonis, und sein Bild verliert
Zum dürft’gen Abguß sich von deiner Pracht,
Wenn alle Kunst Helenens Wange ziert,
Bist du es nur, gemalt in Griechentracht.
Rühmt man des Frühlings und des Herbstes Gaben,
Der Lenz zeigt deine Schönheit und Gehalt,
Mit deiner Güte kann der Herbst nur laben;
So sehn wir dich in jeder Huldgestalt.
Ob aller Anmut sich dein Bild erfreue,
Doch gleichst du keinem, keiner dir an Treue!
Sonett
IV - 54
Oh, wie gefälliger wird alle Pracht
Durch holden Schmuck, den ihr die Wahrheit bringt!
Schön ist die Rose, aber schöner macht
Der süße Duft sie, der dem Kelch entspringt.
Die Heckenrose mag so voll erglühn
In dunklem Rot, als echte übergießt,
So lustig an dem Dornenstrauche blühn,
Wenn ihre Knospen Frühlingswind erschließt.
Doch Schein ist nur ihr prunkendes Gesicht,
Sie lebt verachtet, schwindet ungeehrt
In sich allein; die süße Rose nicht,
Da selbst ihr Tod noch süßen Duft gewährt.
So bleibt im Lied auch, lieber, holder Knabe,
Stets deine Treue, sinkt dein Reiz zu Grabe.
Sonett
V - 55
Kein Marmor und kein goldnes Fürstenmal
Wird meine mächt’gen Töne überleben,
Die stolzer dich für Jahre sonder Zahl
Als rauher Stein im Zeitenschmutz erheben.
Wenn Kriegswut jedes Monument verheert
Und Aufruhr schlägt das Mauerwerk zusammen,
Bleibt dein lebend’ges Denkmal unversehrt
Vom Schwert des Mars und von der Zwietracht Flammen.
Durch Tod und feindliche Vergessenheit
Wandelst du siegreich! Deines Namens Klang
Hat eine Stätte noch in spätster Zeit
Bis zu der Menschheit großem Untergang;
Bis du erstehst an Gottes Urteilstage,
Lebst du im Lied und jeder Liebesklage! |
Sonett VI - 56
Erneue, süße Liebe, deine Macht,
Daß man dich schwächer nicht als Hunger schilt,
Der morgen schon in alter Lust erwacht,
Wenn heute er durch Speise erst gestillt.
So seist du, Liebe! Ob dein Auge bricht,
Weil es sich heute übersatt gesehn,
Blick’ morgen wieder hin und lasse nicht
Der Liebe Geist in Stumpfheit untergehn!
Die trübe Zwischenzeit sei wie das Meer,
An dessen ferne Küsten täglich treten
Zwei Neuvermählte, die um Wiederkehr
Des Liebesglückes täglich zwiefach beten.
Sie gleicht dem Winter, der nach schwerem Leid
Dreimal willkommen macht die Sommerzeit!
Sonett VII -57
Dein Sklave bin ich, nimmer darf ich ruhn,
Um deines Winks gewärtig stets zu sein.
Wertlos ist meine Zeit und all mein Tun,
Bis du mich rufst, sie deinem Dienst zu weihn.
Ich schelte nicht endloser Stunden Zahl,
Wenn deiner harrend träg der Zeiger kreist,
Noch dünkt, o Herr, mich schwer der Trennung Qual,
Wenn deinen Diener du zu gehen heißt.
Noch wag’ ich, dich durch Eifersucht zu kränken,
Wo du jetzt weilst, und was dein Treiben ist;
Still harrt dein Knecht, wagt traurig nur zu denken,
Wie du beglückst die andern, wo du bist.
So närrisch treu ist Liebe, daß Verdacht,
Was du auch tust, ihr nimmermehr erwacht.
Sonett VIII - 58
Der Gott, der mich zu deinem Knecht gemacht,
Verhüte, daß ich Zweifel an dir nähre
Und Rechenschaft, wie du die Zeit verbracht,
Ich - dein ergebner Knecht - von dir begehre.
Laß mich nach deinem Wink die Trennung leiden,
Die mir Gefängnis, dir die Freiheit bringt,
In Duldung muß ich schweigend mich bescheiden,
Daß nicht ein Wort des Vorwurfs zu dir dringt.
Sei, wo du willst! Wie ich dein Recht erkannt,
Zu tun und lassen, was nur dir allein
Gut dünken mag, so liegt’s in deiner Hand,
Dir selbstbegangne Schuld selbst zu verzeihn.
Ich harre still, brennt’s auch wie Höllenglut,
Und zürne nicht, ob sündig du, ob gut!
Sonett IX - 59
Wenn alles da war, wenn nichts Neues lebt,
So ist der Geist in seiner Hoffnung blind,
Der in den Wehen neuen Schaffens bebt
Und nur nochmals trägt ein vorhandnes Kind.
Oh, könnten rückwärts meine Augen spähen
Fünfhundert Jahre mit der Sonne Lauf,
Dein Bild in einem alten Buch zu sehen,
Da Schrift zuerst nahm den Gedanken auf.
Gern sähe ich, wie man in alten Tagen
So stolz gefügtes Wunderwerk besang,
Ob jene uns, ob wir sie überragen,
Ob alles gleich blieb in der Zeiten Gang;
Doch sicher weiß ich, nicht so hohen Dingen
Ließ alte Zeit ein preisend Lied erklingen.
Sonett X - 60
Wie Well’ auf Welle an den Felsenstrand,
So eilen die Minuten an das Ziel;
Bald schwillt die eine, wo die andre schwand,
Und weiter rauscht’s im ewig regen Spiel.
Das junge Leben, schön im Morgenrot,
Naht still der Reife, doch von ihr gekrönt,
Ist schon sein Glanz von Finsternis bedroht,
Und es verheert die Zeit, was sie verschönt.
Die Zeit zerfetzt der Jugend buntes Kleid
Und schlägt die Furchen in der Schönheit Stirn,
Und über all der seltnen Herrlichkeit
Hör’ ich bereits des Todes Sense klirrn.
Doch hält mein Lied für alle Zukunft stand,
Mit deinem Ruhm trotzt es der Zeiten Hand.
|